“Burnout kommt nicht von heute auf morgen”

“Burnout kommt nicht von heute auf morgen”

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(Foto oben: Zentrum für Seelische Gesundheit in Groß-Umstadt)

Burnout ist ein schleichender Prozess, der nicht gleich bemerkt wird. Gerade wer sich einsetzt und beweisen will, mit Feuereifer bei der Sache ist, egal ob im privaten oder beruflichen Bereich, vernachlässigt irgendwann die eigenen Bedürfnisse. Ein Konflikt entsteht, der sich anfangs noch gut verdrängen lässt. Doch der Dauerstress hat Folgen: Familiäre Probleme, ungewisse Zukunftsaussichten, zu hohe oder als sinnlos empfundene Anforderungen bei der Arbeit und finanzielle Zwänge können die Lebensfreude ersticken und dazu beitragen, dass man sich ohnmächtig und ausgeliefert fühlt. Deshalb sind nicht nur Topmanager von Burnout betroffen, sondern durchweg alle sozialen Schichten in der Bevölkerung. „Gerade Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst sind besonders gefährdet“, so Professor Dr. med. Thomas Wobrock, Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg. „Viele laden sich ein zu hohes Arbeitspensum auf, um mit dem Tempo der heutigen Arbeitswelt mithalten zu können, gestehen sich aber ihre andauernde Überforderung nicht ein. Das Ausbrennen geschieht schleichend, über Monate und Jahre und kann schließlich in eine Depression münden.“ Dinge, die vorher Spaß gemacht haben oder einen Ausgleich brachten, werden nun als Belastung empfunden. Das wöchentliche Joggen mit Freunden, der tägliche Spaziergang nach der Arbeit oder der Besuch bei den Eltern. All das lässt man ausfallen, um den vermeintlichen Berg an Aufgaben zu bewältigen.

Erste Anzeichen für ein Burnout
Auffallende Merkmale der Anfangsphase sind beispielsweise ein unverhältnismäßiges Engagement für berufliche Ziele. Dabei arbeitet man fast pausenlos und jagt nach Anerkennung für seine Leistung. Misserfolge werden verdrängt und die eigenen Bedürfnisse sowie Freunde und Familie immer weiter vernachlässigt. „Wenn Anzeichen wie dauerhafte Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, eine innere Anspannung und Angstzustände dazukommen, sollte ein Gang zurückgeschaltet werden“, sagt Prof. Wobrock. „Nicht wenige suchen fälschlicherweise Ablenkung in Alkohol oder anderen Suchtmitteln und geraten so in einen Teufelskreis.“

Mittel gegen das Ausbrennen
Zeitmanagement und Stressabbau heißen die Zauberwörter gegen den beginnenden Burnout. Wer privat und beruflich viel um die Ohren hat, sollte sich den Tag strukturieren. So kann der Fokus immer komplett auf eine einzige Aufgabe oder wenige To Do‘s gelegt werden. Ganz wichtig ist hierbei die Einplanung von Erholungsphasen, um neue Energie tanken zu können. Wird der Arbeitsaufwand zu groß, rät Prof. Wobrock dazu, Aufgaben auch einmal abzulehnen. Das zeugt von größerer Kompetenz als sich unendlich viele Sachen aufzuladen, die nicht abgearbeitet werden können. Nach getaner Arbeit ist Entspannung angesagt.
Der eine braucht Ruhe, der andere muss sich richtig auspowern, um sich abzureagieren. Doch ob Yoga oder Kickboxen – wichtig ist, dass man den Ausgleich regelmäßig sucht und Spaß dabei hat.

 

Prof. Dr. Thomas Wobrock
Prof. Dr. Thomas Wobrock

Nachgefragt: Burnout
Interview mit Prof. Dr. Thomas Wobrock, Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg

Herr Prof. Wobrock, welche Anzeichen sind charakteristisch für Burnout?
Prof. Wobrock: Schlafstörungen, die Neigung zum Grübeln, Gereiztheit und Erschöpfung – wenn diese Symptome länger als zwei Wochen andauern, sollte man sich Gedanken machen. Wer zu diesem Zeitpunkt Maßnahmen ergreift, indem er beispielsweise das Gespräch mit einer vertrauten Person oder auch dem Chef sucht, kann noch alleine mit der Situation fertigwerden. Kommen eine innere Traurigkeit, eine Antriebsstörung oder gar lebensmüde Gedanken hinzu, so sollte bei einer depressiven Episode professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.

Wie therapieren Sie jemanden, der zu Ihnen kommt, weil er alleine nicht mehr mit der Situation fertig wird?
Prof. Wobrock: Wir versuchen immer auf den Einzelnen und die individuellen Probleme einzugehen. Dazu kann es auch notwendig sein, den Menschen aus seiner krank machenden Umgebung herauszunehmen und ihm eine stationäre Behandlung anzubieten. Bei einer schweren Depression ist auch eine medikamentöse Therapie notwendig. Wir überlegen gemeinsam: Was gibt es für positive Aktivitäten, die Spaß machen und einen Ausgleich zur Stresssituation bieten können? An welcher Stelle im Leben können Freizeit und Pausen eingeplant werden? Wie lässt sich die Arbeit in Zukunft anders organisieren, wo können Konflikte gelöst werden? Oft brauchen die Patienten auch Unterstützung bei Gesprächen mit der Familie. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, dass man sich selbst wieder spürt. Letztendlich geht es beim Burnout um die Einrichtung einer funktionierenden Work-Life-Balance und bei einer schwereren Depression um eine kontinuierliche medikamentöse Behandlung über eine gewisse Zeit und die Einleitung einer ambulanten oder auch stationären Psychotherapie.

Ist ein Burnout heilbar?
Prof. Wobrock: Im Prinzip gilt: Je einfacher der Auslöser, desto einfacher ist die Lösung. Es gibt jedoch auch komplexere Ursachen, zum Beispiel eine erhöhte Verletzlichkeit durch die persönliche Lebensgeschichte. Nehmen wir an, einem Kind wurde immer wieder gesagt, dass es einfach nichts richtig machen kann. Dann wird es als Erwachsener viel heftiger und ggf. hilflos reagieren, wenn eine ähnliche Situation auch am Arbeitsplatz auftritt. Das muss in der Therapie durch tiefer gehende Gespräche geklärt werden. Auch Menschen, die immer alles perfekt machen wollen, sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Oft ist es schon eine große Hilfe, sich diese Dinge bewusst zu machen.

 

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