Zeit schenken ist eine wunderbare Erfahrung

Zeit schenken ist eine wunderbare Erfahrung

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Martina Pohl ist als Grüne Dame an der Kreisklinik Groß-Umstadt tätig. Einmal pro Woche hat sie für die Patienten der Kreisklinik Groß-Umstadt ein offenes Ohr und kümmert sich um deren Anliegen. Aus einem Bauchgefühl heraus hat sie sich für dieses Ehrenamt beworben – im Interview erzählt sie, warum dies eine der besten Entscheidungen ihres Lebens war.

Frau Pohl, seit wann sind Sie als Grüne Dame tätig?

Ich habe im Herbst 2011 einen Artikel in der lokalen Zeitung gelesen, dass die Kreisklinik Groß-Umstadt Grüne Damen und Herren sucht und mich auf diese Stelle beworben. Den Qualifizierungskurs, der angehende Grüne Damen und Herren auf ihren Einsatz auf den Krankenhausstationen vorbereitet, habe ich im Frühjahr 2012 besucht und bin seit Juni 2012 einmal pro Woche mittwochs vormittags als Grüne Dame im Dienst. Also seit ziemlich genau fünf Jahren.

Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich?

Mit dem Umzug nach Groß-Umstadt vor einigen Jahren begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich habe das große Glück, viel Freizeit zu haben. Dieses Glück möchte ich mit anderen Menschen teilen und verschenke diese Zeit von Herzen gerne. Nachdem ich in der Zeitung über das Ehrenamt der Grünen Damen und Herren gelesen habe, bin ich einfach meinem Bauchgefühl gefolgt. Vom ersten Tag an habe ich gespürt, dass diese Entscheidung richtig war; mit Britta Lippmann, die den Grüne Damen Dienst organisiert, vorbereitet und begleitet, habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Auch mit Pfarrerin Silvia Rollmann, die in der Klinik als evangelische Seelsorgerin arbeitet, war ich sofort auf gleicher Wellenlänge. Ich hatte von Anfang an viel Freude an dieser Arbeit und bin froh, diesen Weg zu gehen.

Es ist Mittwochmorgen – was erwartet Sie hinter der Tür des Patientenzimmers?

Wenn ich am Mittwochmorgen meinen Dienst antrete, weiß ich nie, was mich erwartet. Ich öffne die Tür des Patientenzimmers, betrete den Raum und stelle mich vor. Um einen ersten Kontakt aufzubauen, frage ich zunächst ganz unverfänglich einen Patienten, ob ich etwas für ihn tun kann, vielleicht einen Tee oder Kaffee holen oder eine Zeitung besorgen. Recht schnell entwickelt sich dann ein Gespräch. Und genau das ist meine Aufgabe: Mit den Menschen reden, ihnen vor allem zuhören und Beistand leisten. Viele schütten mir ihr Herz aus oder erzählen ihre Lebensgeschichte. Wie heilsam diese Gespräche für die Patienten sind, kann in Worten kaum ausgedrückt werden. Ich sehe und spüre es.

Martina Pohl und ein Patient. © Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg
Martina Pohl und ein Patient. © Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg

Welche Erfahrungen und Eindrücke haben Sie gesammelt?

Meine Erfahrungen der letzten fünf Jahre waren durchweg positiv. Es kam kein einziges Mal vor, dass ich abgewiesen oder gefragt wurde, was ich denn hier tue. Ganz im Gegenteil. Es findet immer ein Dialog statt. Manchmal ist mein Dienst derart kommunikativ, dass sich alle Patienten im Zimmer am Gespräch beteiligen – schöner kann es gar nicht sein. Ich habe festgestellt, dass viele ihre Nöte, Sorgen und Ängste haben und sich manchmal nicht trauen, dem Pflegepersonal diese mitzuteilen, geschweige denn den Ärzten. Wir nehmen uns dieser kleineren Nöte an und vermitteln, wenn gewünscht, zwischen Patient und Pflegepersonal.

Es sind viele kleine Gesten, mit denen wir den Patienten etwas Gutes tun können – eine wunderbare Erfahrung und ein ehrenamtlich Tätigkeit, die von allen Patienten sehr dankbar angenommen wird.

Wie gehen Sie persönlich mit den Schicksalen der Menschen um?

Ich habe Menschen kennengelernt, die unfassbar viel Leid ertragen mussten. Das berührt mich dann schon sehr. Es gab Momente und wird sicherlich immer wieder Momente geben, in denen Tränen fließen. Und dann gibt es diese Augenblicke, in denen Schweigen und in den Arm nehmen einfach besser helfen als wohlmeinende Worte. Auf solche Situationen werden wir zwar so gut es geht vorbereitet, aber das Leben ist nun mal nicht vorhersehbar.

Mit anderen Kolleginnen, die ebenfalls am Mittwochvormittag als Grüne Damen tätig sind, treffe ich mich meist nach meinem Dienst und habe dann unmittelbar jemanden, mit dem ich über mein persönliches Befinden reden kann. Selbstverständlich unter Wahrung der Schweigepflicht, der wir unterliegen. Das hilft. Überhaupt findet zwischen den Kolleginnen und Kollegen im Rahmen von Workshops und Seminaren ein sehr guter und regelmäßiger fachlicher Erfahrungsaustausch statt. Diese Gespräche wiederum helfen uns allen, solche Eindrücke zu verarbeiten. Ich muss sagen, dass ich mich im Kreis der Grünen Damen sehr gut aufgehoben fühle. Außerdem habe ich vollstes Vertrauen in das Krankenhaus, dass für die Patienten letztendlich alles gut geht.

Warum sollten sich Ihrer Meinung nach auch andere Menschen für Patienten im Krankenhaus engagieren?

Wer sich ehrenamtlich engagiert, bekommt sehr viel zurück. Mit einem Vormittag pro Woche investiere ich ja relativ wenig Zeit – und dennoch spüre ich jeden Mittwoch, dass ich in diesen Stunden etwas Gutes bewirkt habe. Ich erlebe unglaublich viel Dankbarkeit und Herzlichkeit und kann jedem, der Zeit zu verschenken hat, nur raten, es einfach auszuprobieren. Es ist eine sinnvolle Tätigkeit.